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Eine freche Interpretation der Dreigroschenoper

Zum zweiten mal mit seiner Band beim Kulturfestival X der Städteregion Aachen: Der Schauspieler und Sänger Dominique Horwitz. Foto: Stefan Schaum

Werkgetreu geht anders. Für seine Version der Dreigroschenoper hat Dominique Horwitz sich eine ganze Menge Freiheiten herausgenommen. Ordentlich durchgeschüttelt und als reine Songsammlung hat der Schauspieler und Sänger die Bertolt-Brecht-Vorlage im Rahmen des städteregionalen Kulturfestivals X im Baesweiler Gymnasium präsentiert.

Angereichert mit vielen Versatzstücken aus Jazz und Pop. War das nun eher frisch oder frech? Am Ende wohl beides. Kurzweilig war es in jedem Fall.

Weit in die Zukunft hat Horwitz seine Aufführung der Dreigroschenoper geworfen. Man befinde sich im Jahr 2070, ließ er die Zuschauer eingangs wissen. Die Europäische Union sei längst Geschichte und China sei zur dominierenden Nation in Sachen Wirtschaft und Kultur aufgestiegen. Weiter ausgeführt wurde das von ihm zwar nicht, doch rührten daher wohl die roten und gelben Seidenjacken, die er und die sieben Musiker in seinem Rücken trugen. Mit dieser „Me & The Devil“-Band war Horwitz bereits im vorigen Jahr an gleicher Stelle präsent, nun legte er mit einer Weltpremiere nach, denn geschlossen hatte er die Lieder der Dreigroschenoper zuvor noch nicht aufgeführt. Möglicherweise einer der Gründe, warum er bei den Texten manchmal noch auf eine Vorlage schauen musste. Das tat seiner gewohnt starken Bühnenpräsenz hier und da einen kleinen Abbruch an diesem Abend.

Während Horwitz bei den Texten der Vorlage weitgehend treu blieb, mussten die Kompositionen von Kurt Weill sich so manches gefallen lassen. Von denen blieben oft nur die Melodien erhalten und selbst die beileibe nicht immer. An vielen Stellen zerrupfte und verwischte Horwitz die Strukturen der Lieder und schob hier und dort einzelne Takte oder ganze Refrains bekannter Popsongs ein, zu denen er die Brecht-Worte sang. So bestimmt David Bowies „China Girl“ die „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“, das „Girl from Ipanema“ schlenderte gleich durch mehrere Songs und auch Daft Punks „Get Lucky“ wurde zu einem wiederkehrenden Motiv. Dort, wo sich bei den Weill-Kompositionen oft schroffe Kanten finden, setzte Horwitz musikalisch auf deutlich glatter Abgerundetes. Hierzu ließ er seiner Band viel Raum. Den nutzten die Musiker spielfreudig und feuerten die musikalischen Zitate nur so raus.

So wurde die Dreigroschenoper zu einer Wundertüte mit großem Aha-Effekt. Das Publikum hatte Spaß dabei, im vermeintlich vertrauten Gewand immer wieder Neues zu entdecken. Den weltberühmten Einstieg indes sparte sich Horwitz, für das Ende der gut zweistündigen Show auf. „Die Moritat von Mackie Messer“, die die Dreigroschenoper normalerweise eröffnet, gab es erst als Zugabe. Der große Hit als Höhepunkt — so gehört es sich für eine gute Rockshow! Um dieses Finale zu feiern, ließ Horwitz den ausgedruckten Liedtext ans Publikum verteilen, auf dass es kräftig mitsingen möge. Das tat es — und applaudierte anschließend stehend. Frechheit siegt bekanntlich — auch bei der Dreigroschenoper!

Aachener Nachrichten, 03.09.2018